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Montag, 03.03.2025 - Jahrgang 17 - www.daz-augsburg.de

Dem GMD sei Dank!

Ein Jugendkonzert des Philharmonischen Orchesters

Von Frank Heindl

Es ist ein harter Job, das muss man wohl einsehen. Ein Generalmusikdirektor muss nicht nur dirigieren (das allein wäre ja schon kräftezehrend, selbst wenn man, wie Dirk Kaftan, nicht zu den ganz wilden Fuchtlern auf dem Podium gehört). Nein, ein GMD muss auch verwalten, verantworten, planen, Rücksichten nehmen. Und vor allem: er muss Jugendkonzerte geben. So geschehen und beobachtet am vergangenen Dienstag in Gersthofen.

Man mag den Theaterverantwortlichen viel glauben, man mag auch Dirk Kaftan vieles abnehmen. Dass das Augsburger Konzertpublikum im Schnitt zu alt ist, dass man dringend für Nachwuchs sorgen muss – das ist unbestritten. Und dass man sich mit jüngeren Hörern auch gleichzeitig ein Publikum heranziehen kann, das aufgeschlossener, der Neuen Musik stärker zugeneigt wäre, das auch in den Konzertsaal strömen würde, wenn mal nicht Mozart, Beethoven, Brahms auf dem Programmzettel zu finden sind, mag ebenfalls logisch erscheinen – alles glaubhaft, alles paletti. Aber dass das Spaß macht, also bitte – diese Behauptung mag man nicht so ohne weiteres hinnehmen.

Bitte mehr Applaus!

Generalmusikdirektor Dirk Kaftan mit Schülern der Birkenau-Volksschule

Generalmusikdirektor Dirk Kaftan im Dezember 2009 mit Schülern der Birkenau-Volksschule


Da ist vor allem mal die Sache mit dem Applaus. Die Musiker sitzen schon länger vor ihren Notenständern, haben ihre Instrumente gestimmt – nun betritt der Dirigent die Bühne. Jubel? Brausender Beifall? Von wegen. Mit etwas gutem Willen könnte man die Publikumsreaktion als „höflichen Beifall“ bezeichnen. Nun ist aber Kaftan nicht einer, der sowas klaglos hinnehmen würde. So ein Orchester, ruft er ins Publikum, sei ans vormittägliche Konzertieren nicht unbedingt gewöhnt, in der Tat sei es um elf Uhr noch reichlich müde, schließlich habe man ja erst am vergangenen Abend aufgespielt, kurzum: Er müsse doch im Namen seiner Musiker um deutlich engagiertere Geräuschentfaltung bitten. Und siehe da: Solcherart bekniet, bequemt sich das jugendliche Publikum dann doch zu leidlicher, wenngleich längst nicht enthusiastisch zu nennender Beifallsbekundung.

Marisa Metzger ist da anders. Sie ist erst 14, aber schon Trägerin des Förderpreises der Augsburger Philharmoniker. Trotzdem – auch für sie muss Kaftan noch um einen zweiten, hörbareren Applaus bitten. Auch sie habe doch erst am vergangenen Abend gespielt, habe noch müde Finger, müsse entsprechend motiviert werden … Dann endlich Musik: Marisa Metzger spielt Ausschnitte aus Dimitri Kabalewskis drittem Klavierkonzert, das, wenn man den Programm glauben soll, den Untertitel „der Jugend gewidmet“ trägt. Es stammt von 1952 – vielleicht waren damals die Jugendlichen noch mehr an der „klassischen“ E-Musik interessiert. Womöglich auch hat es damals einen Stalinerlass gegeben, der mangelnden Applaus mit Straflager ahnden ließ, wer weiß … In Gersthofen jedenfalls wird niemand zum Beifall gezwungen, trotzdem rühren sich Marisa Metzgers Spiel die Hände – man muss ja auch zugeben, dass sie die plötzlichen Stimmungsschwankungen bei Kabalewski, die jähen Umbrüche vom Verspielten ins Düster-Bedrohliche sehr gut gemeistert hat.

Malerisch: Zemlinskys „Seejungfrau“

Doch für Kaftan wird’s nun nicht einfacher – und fürs Publikum auch nicht. Die Gersthofener Stadthalle ist nur zu gut einem Drittel gefüllt – mit Schulklassen, Kindern im geschätzten Alter von zehn bis 14 oder 15 Jahren. Ein vorübergehend, aber eben nur vorübergehend konzentriertes Publikum. Manchmal ratscht einer oder eine mit dem Sitznachbarn oder der -nachbarin, das mag ja noch angehen. Einer blättert mal in einem Prospekt – Kaftan bittet ihn, das jetzt wegzulegen. Und ganz hinten in der Ecke sitzt eine Gruppe, die auch dann keine Ruhe gibt, als sich eine Lehrerin besänftigend dazusetzt.

Aber, wie gesagt, auch die Zuhörer haben’s nicht einfach. Denn Dirk Kaftan serviert ihnen nun Alexander von Zemlinskys „Seejungfrau“ nach dem Märchen von Hans Christian Andersen. Und, nein, diese Musik ist nicht einfach. Sie ist betörend, sie ist malerisch im Wortsinn. An dieser Musik, mag Kaftan sich gedacht haben, kann man zeigen, was Musik kann: Geschichten erzählen, Gefühle zeigen, den Ozean beschreiben, Farben malen, Dramen aufführen, Tränen erzeugen – und gelegentlich sogar all dies gleichzeitig. Kaftan ist auch der Mann, der das alles toll erklären kann. Er lässt die Geigen zunächst mal alleine vortragen, wie sie die Stimme der Meerjungfrau spielen. Zeigt, wie sich deren Schwestern anhören. Demonstriert, wie das Meerfräulein musikalisch erwachsen wird. Für den erwachsenen Hörer ist das faszinierend – man würde sich viele solcher Nachhilfestunden im Zuhören, Verstehen, Interpretieren von Musik wünschen. Für die Jugendlichen allerdings ist es anstrengend. Nur wenige sind wirklich dabei, und es sind nicht unbedingt die, von denen man es annimmt.

Ein Schiff zerschellt – ein „Wow“ ertönt

Kaftan beschreibt, wie das Schiff des Prinzen an den Klippen zerschellt – die Meerjungfrau wird ihn retten und sich todbringend in ihn verlieben. Vor dem Rezensenten sitzt ein Junge, der sich für vieles interessiert, was um ihn herum vorgeht – für Kaftans Vortrag nur am Rande. Nun aber spielt das Orchester die Szene: Das Meer wogt, die Wellen schlagen über Bord, in einem heftigen forte begräbt die See Schiff und Mannschaft. Dann ist alles still – außer dem besagten Jungen, der sein begeistertes „Wow!“ laut in den Saal ruft. Er hat offenbar zugehört.

Anfangs hatte Kaftan angekündigt, die junge Nachwuchspianistin werde eventuell noch eine Zugabe geben. Er kommt auf dieses Angebot nicht zurück. Vielleicht, weil es schon spät ist – vielleicht auch, weil er die Atmosphäre richtig einschätzt: den Kindern und Jugendlichen war’s genug. Es ist, wie gesagt, ein harter Job. Kaftan weiß das, wusste es wohl schon vorher, macht trotzdem weiter: Auch in der nächsten Saison wird es Jugendkonzerte geben, wird das Orchester in Schulen „ausschwärmen“, sich sein Publikum suchen, die Nachwuchsarbeit weitertreiben. Es ist ein harter Job, wie gesagt – und es führt kein Weg daran vorbei, wenn man ihn ernst nimmt. Man kann das dem GMD und seinen Musikern kaum genug danken.

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